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Ist doch nicht so schlimm…

Wenn die deutsche Nationalef am Brandenburger Tor insinuiert, dass Deutsche aufrecht gehen und Argentinier gebückt, ist das nur ein Teil des Problems. Deutsche, vor einer halben Million Fans und dem Fernsehpublikum dargestellt als Herrenmenschen, die Argentinier als Untermenschen verhöhnt, so kam es jedenfalls an.

Ist doch nicht so schlimm, alles Unsinn, Sommerloch-Debatte, moralinsauer, so qualifizieren die einen den Vorfall auf der Fanmeile ab. Andere suchen zumindest noch nach Argumenten: Och, im Fußball gehört das dazu, da ist der Ton nun mal gröber, verteidigten sie die peinliche Showeinlage von Klose & Co. Als Stadiongänger kann man das so sehen, als politisch urteilender Mensch muss man nicht.

Dabei ist gerade im Fußball die politische Sensibilität doch besonders groß: Rassismus ist geächtet, Kampagnen werben für fairen Umgang miteinander. Doch die jungen Weltmeister sangen von Deutschen, die aufrecht gehen, nicht — was kein Problem gewesen wäre — von Siegern. Och, alles nicht so schlimm?

Vielleicht ist es ein Unterschied, ob Fußballer grenzwertige Späße in einem Drittliga-Stadion machen oder auf dem Empfang der Nationalelf an Deutschlands exponiertestem Ort. Dort ist es dann allerdings richtig schlimm.

Die Männer können einem deshalb leid tun, weil sie keiner davon abgehalten hat. In der Euphorie nach dem Sieg ist gut beraten, wer einen Schritt von sich selbst zurücktritt. Die Nationalspieler aber rollten in der Sommerhitze biertrinkend durch Berlin zur Fanmeile, wo sie sie teils grölend ihre zuvor ersonnenen Einlagen zum Besten haben. (Ich hoffe jedenfalls, dass die Beiträge kein Ergebnis langer Planungen waren). Öffentlich-rechtliche Reporter hatten den Weltmeistern dafür ihre Mikrofone überlassen. Sie werden es hoffentlich bereut haben. Die Gestik näherte sich historisch belasteter Symbole. Fremdschämen war angesagt.

Der DFB hat den Argentiniern geschrieben, dass sie nicht sauer sein sollen. Alles nicht so gemeint. Ein Quantum schlechtes Gewissen zumindest war da. Oder doch alles nicht so schlimm? Das nächste Mal plant der Fußball-Bund die Show sicher genauer und spricht ein Alkoholverbot auf dem Weltmeister-Show-Truck aus und liefert ein paar unverfängliche Ideen. Wenn es denn ein nächstes Mal gibt. Doch das ist ein anderes Thema.

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Tempelhofer Feld Berlin

  • Hi, ist man eigentlich konservativ, wenn man gegen eine Randbebauung des Tempelhofer Feldes ist? Rein haltungstechnisch liegt man da doch irgendwo zwischen öko und Bewahrung des Bestehenden.
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To do

Die Ossis halten weniger zusammen als die Westler, am wenigsten stehen die Sachsen-Anhalter füreinander ein. Ohne die Datenbasis und Methodik der Bertelsmann-Stiftung auch nur ansatzweise analysiert zu haben, geht mir durch den Kopf: Das deckt sich weder mit eigenem Erleben, noch mit den Erzählungen der Eltern. Ergo: kann irgendwie nicht stimmen.

Vermutung: Ergebnis hängt davon ab, wie man Zusammenhält definiert. Ist Zusammenhalt, wenn man sich im Schützenverein organisiert oder die Stadtteilinitiative für den Spielplatzbau anschiebt? Dann halten wie Wessis zwischen Schwarzwald und Prenzlauer Berg ultrafest zusammen, wie Pech und Schwefel. Und der Ossi sucht sein Glück als Individuum, weil er herkunftshistorischerfahrungsbedingt alle Formen von Organisiertheit zunächst skeptisch prüft. (Und die historische Erfahrung färbt bis heute durch, fanden Wissenschaftler heraus)

Hat Zusammenhalt aber nicht auch was mit Vertrauen zu tun? Meine Eltern und ihre Freunde hatten außen an den Wohnungstüren Notizpapierrollen hängen, damit man sich gegenseitig Nachrichten hinterlassen konnte. Denn die wenigsten hatten Telefon. In der Mangelwirtschaft halbwegs komfortabel überleben war nur durch gegenseitige Hilfe möglich — gab es Lausitzer Pilsator in der Kaufhalle, zog einer mit dem Handwagen los, um die Nachbarn mitzuversorgen. Geht das ohne Zusammenhalt? Wohl kaum.

Es muss sich in den vergangenen 25 Jahren Grundlegendes verändert haben, wenn die Analyse der Bertelsmänner stimmt. Eine Gegenreaktion auf die DDR-Jahrzehnte voller Gemeinsinn, hin zu Individualität und Selbstbestimmung? Besinnung auf den eigenen Ellenbogen und die Lust darauf, ihn endlich mal einsetzen zu können? Reste des grundlegenden Misstrauens gegen staatliche Autorität, gegen Parteifunktionäre und ihren zur Vernichtung fähigen Apparat?

Viele Fragen, sorry. Brauche mehr Zeit.

Quote
"Beim Verteufeln der Bertelsmann-Studie, derzufolge die Ossis angeblich zu wenig zusammenhalten, halten die Ossis sehr eindrucksvoll zusammen"

— @mmachowecz

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Edathys Moralproblem

Sebastian Edathy hat ein Moralproblem. Juristisch gilt er, des Besitzes von Kinderpornografie verdächtigt, bis zum Beweis des Gegenteils als unschuldig. Das ist wichtig und gut so. Doch ein Vergehen steht schon jetzt fest: Er hat Bilder gekauft, für die Kinder benutzt wurden. Die SPD will ihn dafür sogar aus der Partei werfen — was wohl fehlschlagen wird. Edathy kündigt Gegenwehr an, und er zeigt die Staatsanwälte an, die gegen ihn ermitteln, weil er sich in seinen Grundrechten verletzt sieht. Das ist sein gutes Recht.

Doch Edathy sollte endlich aufhören, dieses Verfahren zu Lasten der benutzten Kinder voranzutreiben. Er sollte seine moralische Schuld anerkennen und für sein Verhalten um Entschuldigung bitten. Warum tut er das nicht? Weil er fürchtet, sich juristisch zu gefährden? Dann stimmt etwas mit unserem Rechtssystem nicht.

Der Gipfel der Bigotterie ist erreicht, seit Edathy in seinem Kampf gegen die Staatsanwaltschaft die Abgeordneten-Immunität für sich in Anspruch nimmt bzw reklamiert, die er bereits Tage zuvor selbst aufgegeben hatte. Sicher, der dahinter steckende Formfehler der Ermittler könnte das gesamte Verfahren nichtig machen, aber Edathys Vorgehen zeigt: Er hat ein Moralproblem.

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Ich nenne es die digital forest disease: Im Wald den Specht klopfen hören und an eine Tweetdeck-DM denken (by Tilman, Spindlermühle/CZ)

Ich nenne es die digital forest disease: Im Wald den Specht klopfen hören und an eine Tweetdeck-DM denken (by Tilman, Spindlermühle/CZ)

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Chiao Facebook!

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Meine freien Tage verlaufen jetzt ruhiger. Ich habe im Urlaub weniger Stress. Vorbei die Zeiten, da ich am Zeltplatz an der Rezeption das WLAN suchte — das Handy wie ein Wünschelrutengänger vorgesteckt, um den daheim Gebliebenen zu zeigen, wie an der Adria die Sonne untergeht. Vorbei die Abende, da ich am Smartphone hängen blieb, die Aufmerksamkeit gebunden durch Belanglosigkeiten, da die Stunden verflossen in Timelines, bis der Akku warnt.

Ich bin aus Facebook ausgestiegen, ich poste nicht mehr. Weil ich lieber am Strand liege und weil mein Privatleben nicht auf den Festplatten der NSA enden soll. Oder weil, wie Joachim Gauck jüngst treffend feststellte, es ein Problem ist, wenn sich heute Menschen am Telefon so verhalten wie in der DDR, wo man seine Worte im Bewusstsein wählte, dass die Stasi mithört.

Zwei US-Forscher bezeichneten das Netzwerk jüngst als Krankheit, die im Laufe des Jahrhunderts ausgerottet sein werde. Meine Infektion liegt fünf Jahre zurück, die Therapie ist jetzt absolviert. Ein Rest-Rückfallrisiko aber bleibt, denn mein Account ist für Recherchezwecke weiter existent, nur von allen persönlichen Botschaften bereinigt.

Das war harte Arbeit, Trennungsarbeit. Ein Like ist schnell vergeben: Nur ein Klick reicht, um Sympathie zu bekunden. Um sie zurückzunehmen, braucht es drei Klicks. Die Timeline zu leeren, dauert Stunden, Facebook erschwert die Flucht. Man muss Pausen machen, denn das Blut sackt aus der Hand.

Christian Lindner dislike ich kalt. Die Geburtstagsglückwünsche der Kollegen nur widerwillig. Das Gewissen pocht: die Schulkameraden entfreunden oder nicht? Skrupel kommen auf: Das großartige Profilbild der Tochter unliken? Lieber doch nicht.

Fünf Jahre Leben ziehen von unten nach oben vorbei. Die Fotos der Urlaube in Kroatien, die Alben der Recherchen durch die Flutgebiete, Protestgrafitti aus Madrid. Dazwischen der ganze Müll, den man als Mischwesen aus Privatmensch und Medienmann so postet, klickt und kommentiert. Alles muss raus.

Die Freunde bleiben Freunde. Nur werden sie ohne meinen Beitrag in ihren Timelines auskommen. Es wird ihnen leicht fallen, ich habe auf Facebook nie Wichtiges zu sagen gehabt. Sicher war es sogar Facebook selbst vollkommen egal, dass die Locationkennung von Fotos aus Kroatien kam und dass ich die Kanzlerin in Hitzacker traf. Alles nur Timelinefutter, maximal für den Moment interessant. Deshalb will ich nicht, dass es auf Ewigkeit in Datenbanken verstaubt, um irgendwann auf irgendeinen Verdacht hin durchsucht zu werden.

Manchmal schaue ich hinein ins Buch der Gesichter, auf der Suche nach irgendeiner Person oder Information — und spüre, wie entspannend das ist, nicht mehr daran beteiligt zu sein.

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Ikone des Protestes in der Ukraine: Regierungsgegner Michail Gavriljuk, während menschenverachtender Behandlung durch eine Polizeieinheit in Kiew. (Quelle: espreso.tv)

Ikone des Protestes in der Ukraine: Regierungsgegner Michail Gavriljuk, während menschenverachtender Behandlung durch eine Polizeieinheit in Kiew. (Quelle: espreso.tv)

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Winter-Irrsinn

Eine Frau verlässt ihr Haus, strebt über den gepflasterten Hof der Straße zu. Plötzlich reißt sie die Arme hoch, strauchelt, hält nur mit Mühe das Gleichgewicht.

Kein Wunder, denn alle Jahre wieder herrscht Winterdienst-Irrsinn. Mit Verweis auf Versicherung und die Räum-und Streupflicht lassen Kommunen, Hausverwalter und -besitzer die Gehwege bürsten. Mit dem Erfolg, dass es auf den geräumten Streifen glatter ist als auf dem Schnee. Sogar ohne Blitzeis.

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Man kann nur allen Zeitungszustellern, DHL-Männern und Postboten raten, die angeblich trittsicheren Flächen weiträumig zu meiden. Denn in den Notaufnahmen dieser Welt herrscht bereits Kriegszustand.

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Autumn Secrets. (Liepe/Usedom, Pfarrhaus, 2012 by Tilman)

Autumn Secrets. (Liepe/Usedom, Pfarrhaus, 2012 by Tilman)