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Als die Züge mit den Flüchtlingen aus Prag durch Dresden rollten, entlud sich die Wut vieler auf den Staat in Gewalt. Ich habe mit einem der Steinewerfer von damals gesprochen.

Erst wollte Thomas nicht darüber reden. Er habe Mist gebaut damals, sagt er. Eine halbe Stunde später ruft er zurück. Er habe noch mal nachgedacht. Die Taten seien ja sicher verjährt. Er würde mir schon erzählen, was er damals vor dem Hauptbahnhof in Dresden gemacht hat. Die Punks, die Steine, die Polizisten… Ich habe ihm zugehört. Und es dann aufgeschrieben.
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Einmal Botschaft und zurück – full Story

Prag, the Day after. Ein Sonntag. Meine Mutter hat über Umwege herausgefunden, dass ich mit einem Freund nach Prag unterwegs bin. Prag, so war das in diesen Wochen, Prag heißt Flucht. Und Flucht hieße, die Söhne über Jahre nicht mehr sehen zu können. Auch die Eltern meines Freundes haben Telefon, die Mütter sprechen miteinander. Angst ergreift unsere Eltern.

In Prag ist die Stimmung vor dem Botschaftsportal nach der von Genscher vermittelten Ausreise der ersten 5000 Flüchtlinge angespannt. Neue kommen an und warten auf Einlass, doch im Gebäude räumt das Rote Kreuz erst mal auf. Die Wartenden haben mit ihrem DDR-Leben abgeschlossen. Die Brücke zurück ist gesprengt, doch die Tür zur Zukunft noch verschlossen – für jeden hier muss das eine Extremsituation sein. Kästen mit leer getrunkenen Colaflaschen stehen auf dem Vorplatz verstreut. Müll liegt herum.

Welche Verzweiflung, welche Chancen- und Perspektivlosigkeit muss diese Menschen drücken, dass sie ihr Leben auf ein Stück Handgepäck reduzieren und hier anstehen. Rückblickend war ich von Verständnis weit entfernt. Dazu erzogen, die herrschenden Umstände zu ändern, hofften wir auf eine Wende, auf ein Gesetz für freies Reisen. Ich hatte einen Brief an Gregor Gysi geschrieben und brennende Kerzen vor die Tür der SED-Zentrale meiner Stadt geklebt, anstatt den Rucksack zu packen.

Die Wartenden Flüchtlinge haben uns für Stasi gehalten – einmal Prager Botschaft und zurück? Das konnte sich hier keiner vorstellen. Aus einem zurückgelassenen DDR-Motorrad haben wir meine Maschine nachbetankt und sind wieder zurückgefahren. Unsere Mütter haben wir damit glücklich gemacht. Die ganze Geschichte gibt’s auf ZEIT ONLINE hier

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Die Sache mit dem Fluchtverhalten

30. September 2014. Genscher-Genschman-Prager-Botschafts-Ausreise-Tag. 5273 DDR-Flüchtlinge dürfen über Hof-Gutenfürst in den Westen.

Ich blieb. Ich wollte auch nie in die Prager Botschaft rein, obwohl ich wenige Tage später vor ihrer Tür stand, mit dem Motorradhelm in der Hand. Meine Freunde und ich wollten unser Land von innen her verändern. Als 20-Jährige, die an Reformen glaubten, eine freie Wahl wollten, ein Reisegesetz.

Zu dumm nur, dass die Funktionäre und Stasi-IMs aus dieser Zeit ihre Systemtreue heute mit demselben Worten begründen. Die DDR von innen verändern, statt ein Märtyrer zu sein – das sagte mir unter anderem der frühere Chefproduzent des DDR-Rundfunks, mit dem ich jüngst ausführlich sprach. Er war es, der Honeckers Direktiven in der üppig ausgestatteten Rock- und Popmusik-Produktion durchzusetzen hatte.

In Ostberlin, der ”Insel der Glückseligen”, wie der Mann sagte, war von dem Sterben des Staates wenig zu spüren. Immer wenn er seine Mutter in der Provinz in Köthen besuchte, merkte er, dass etwas nicht stimmt. Dass die DDR zugrund geht, konnte er sich “persönlich nicht vorstellen”. Wahrscheinlich haben Honecker und sein Gefolge in ihrer gut versorgten Residenz in Wandlitz auch geglaubt, in jedem Konsum-Laden des Landes gebe es Bananen und Apfelsinen – die heute Orangen heißen. 

Egal. Vorbei. Jetzt stehe ich jedenfalls in einer Reihe mit früheren Stasi-Mitarbeitern, was die Begründung meines Fluchtverhaltens betrifft. Ich werde mich dran gewöhnen müssen. Wenn mich jemand drauf ansprechen sollte, sage ich einfach Unrechtsstaat. Unrechtsstaat. Unrechtsstaat.

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"Note to myself: Drüber nachdenken, warum Protokolle zum Thema ‘Wo war ich, als die Mauer fiel’ kein Thema sind. Weil wir das schon abertausendmal gelesen haben? Weil diese eigentlich unbeschreibliche Entwicklung emotional berührend nur für Ossis ist? Weil Schabowski die West-Linke sowieso nur verschreckte? Weil plötzlich klar war, dass es diesen Einigungsparagrafen im Grundgesetz gibt? Von dem man dachte, er würde nie gebraucht?"
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Mauerfall

Wie das nun mal ist bei einer Recherche. Ich habe eine Idee, ich lese, ich telefoniere ich surfe. Dennnoch ist es anders diesmal. Das Thema ist größer, der Mauerfall. Kleiner geht gerade nicht. Es wird das letzte Mal sein, dass wir von der zweiten deutschen Diktatur erzählen können anhand authentischer Personen. Die 30 Jahre werden wir als Kalendertermin begehen, die 50 Jahre finden nur noch im Geschichtsbuch statt…

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Ist doch nicht so schlimm…

Wenn die deutsche Nationalelf am Brandenburger Tor insinuiert, dass Deutsche aufrecht gehen und Argentinier gebückt, ist das nur ein Teil des Problems. Deutsche, vor einer halben Million Fans und dem Fernsehpublikum dargestellt als Herrenmenschen, die Argentinier als Untermenschen verhöhnt, so kam es jedenfalls an…

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Tempelhofer Feld Berlin

  • Hi, ist man eigentlich konservativ, wenn man gegen eine Randbebauung des Tempelhofer Feldes ist? Rein haltungstechnisch liegt man da doch irgendwo zwischen öko und Bewahrung des Bestehenden.
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To do

Die Ossis halten weniger zusammen als die Westler, am wenigsten stehen die Sachsen-Anhalter füreinander ein. Ohne die Datenbasis und Methodik der Bertelsmann-Stiftung auch nur ansatzweise analysiert zu haben, geht mir durch den Kopf: Das deckt sich weder mit eigenem Erleben, noch mit den Erzählungen der Eltern. Ergo: kann irgendwie nicht stimmen…

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"Beim Verteufeln der Bertelsmann-Studie, derzufolge die Ossis angeblich zu wenig zusammenhalten, halten die Ossis sehr eindrucksvoll zusammen"

— @mmachowecz

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Edathys Moralproblem

Sebastian Edathy hat ein Moralproblem. Juristisch gilt er, des Besitzes von Kinderpornografie verdächtigt, bis zum Beweis des Gegenteils als unschuldig. Das ist wichtig und gut so. Doch ein Vergehen steht schon jetzt fest: Er hat Bilder gekauft, für die Kinder benutzt wurden. Die SPD will ihn dafür sogar aus der Partei werfen — was wohl fehlschlagen wird. Edathy kündigt Gegenwehr an, und er zeigt die Staatsanwälte an, die gegen ihn ermitteln, weil er sich in seinen Grundrechten verletzt sieht. Das ist sein gutes Recht.

Doch Edathy sollte endlich aufhören, dieses Verfahren zu Lasten der benutzten Kinder voranzutreiben. Er sollte seine moralische Schuld anerkennen und für sein Verhalten um Entschuldigung bitten. Warum tut er das nicht? Weil er fürchtet, sich juristisch zu gefährden? Dann stimmt etwas mit unserem Rechtssystem nicht.

Der Gipfel der Bigotterie ist erreicht, seit Edathy in seinem Kampf gegen die Staatsanwaltschaft die Abgeordneten-Immunität für sich in Anspruch nimmt bzw reklamiert, die er bereits Tage zuvor selbst aufgegeben hatte. Sicher, der dahinter steckende Formfehler der Ermittler könnte das gesamte Verfahren nichtig machen, aber Edathys Vorgehen zeigt: Er hat ein Moralproblem.